Sabab Lou Wochenschau: 18. – 24.09.2017

Entwicklungszusammenarbeit ist nicht einfach nur Projektarbeit, sondern steht immer auch in einem politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext. In unserer Wochenschau stellen wir Ihnen die wichtigsten Artikel und Fragestellungen rund um das Thema „Entwicklungszusammenarbeit in Afrika“ vor. 


Die Wahl ist vorbei, die Koalitionsverhandlungen können beginnen. Wenn es Sie interessiert, empfehle ich Ihnen eine sehr gute Auswertung der Wahl in der Neuen Züricher Zeitung: „Wo die Parteien gewonnen haben, wo sie verloren haben“ 

Vielleicht können wir nun, nach der ganzen Wahlkampfpropaganda, wieder zur eigentlichen Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit übergehen. So möchte ich nachfolgend auf einige sehr substantielle Berichte und Artikel hinweisen, die sich mit dem grundsätzlichen Verständnis von und Anspruch an Entwicklungszusammenarbeit auseinandersetzen.

 

Der Standard: "US-Ökonom Sachs fordert 25 Milliarden Dollar für Bildungsfonds für Afrika"

Das Interview mit dem US Ökonomen Jeffrey Sachs in Der Standard ist unbedingt lesenswert: US-Ökonom Sachs fordert 25 Milliarden Dollar für Bildungsfonds für Afrika“. Sachs, einer der bekanntesten Experten für Entwicklungspolitik, legt die Notwendigkeit und Wirkung einer Bildungsoffensive für Afrika dar, und sieht angesichts der Migrationsströme die europäischen Staaten in der Pflicht. Er hält diesen, wie er findet vergleichsweise geringen finanziellen Beitrag Europas für unabdingbar für wirtschaftliches Wachstum in Afrika. Sachs verweist in dem Interview durchaus auf kolportierende Hindernisse wie korrupte Staatsführung und kriegerische Konflikte, verteidigt seine Bildungsstrategie für Afrika aber als alternativlos. Eine etwas andere Sichtweise hat Herr Kannengiesser, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der Deutschen Wirtschaft. In seinem Interview mit der taz betont er, dass es erst die Investitionen braucht, um dann eine angepasste, erfolgreiche Ausbildung zu fördern, nicht umgekehrt. Dem stimme ich zu. Einfach nur Bildung fördern und die afrikanischen Staaten dieses eigenen Auftrages entbinden, greift zu kurz.

Vielleicht interessiert Sie in der Debatte über Entwicklungspolitik auch eine globalizationcasestudy vom Marz 2016 „Sachs vs. Easterley: the debate over development aid“.


Deutschlandfunk: "Europas Interessen in der Sahelzone"

Ein ausführlicher Beitrag des Deutschlandfunks zu „Anti-Terror-Strategie in Westafrika – Europas Interessen in der Sahelzone“ ist ebenfalls sehr lesenswert. Die beiden Journalisten Jens Borchers und Jürgen König decken den Zusammenhang zwischen Europas Sicherheitsbedürfnis und den Zahlungsforderungen der sogenannten G5 Staaten – Mauretanien, Burkina Faso, Mali, Niger und Tschad – auf. „Europa soll die Kosten für die G5-Einsatztruppe übernehmen“. Die Forderung der Länder nach mehr Unterstützung resultiert nicht aus humanitären sondern militärstrategischen Überlegungen. Und sie nutzen die Gunst der Stunde. Sie nutzen die Aufmerksamkeit für die neu ins Leben gerufenen Migrationspartnerschaften, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Es rühren sich daher vermehrt kritische Stimmen. Die Armee sei Teil des Problems und nicht Teil der Lösung, sagt Roland Marchal vom Zentrum für Internationale Studien in Paris. Pierre Lapaque, Leiter des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Dakar, hält Entwicklungshilfe ohne einschneidende Veränderungen der Sicherheitslage allerdings für Verschwendung. Lapaque fasst zusammen: „Das bedeutet, Geld zum Fenster rauszuwerfen. Nichts bringt das, gar nichts. Hier muss stabilisiert werden. Hier muss man gegen die Korruption kämpfen, dagegen, dass sich Geld in Luft aufzulösen scheint. Man muss für effektive Kontrollmechanismen sorgen. Die notwendige Arbeitskraft muss in den Ländern bleiben und nicht auswandern. Die Menschen müssen wieder Vertrauen in ihre Staaten und Regierungen bekommen. Das gilt auch für ausländische Investoren, die müssen der Justiz in diesen Ländern vertrauen können. Und all das muss ineinandergreifen.“ Das kann ich nur unterstreichen. (Verweisen möchte ich dazu auf den kritischen Artikel von Helga Dickow in der Badischen Zeitung von vergangener Woche http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/selbstbewusster-bittsteller–141906186.html)


Der Standard: "Und irgendwann bleiben sie dann dort"

Der gut recherchierte und lesenswerte Artikel „Und irgendwann bleiben sie dann dort, in Afrika“, abermals in Der Standard, beginnt mit einem unglaublichen Fakt: bereits 2005 hat der Europäische Rat einen Gesamtansatz zur Migrationsfrage gefordert. Zwölf Jahre später scheint es, dass die Umsetzung dieses Gesamtansatzes zum ersten Mal ernsthaft verfolgt wird. Journalist Kim Son Hoang bringt eine sorgfältige Recherche zu verschiedensten Aspekten von Migration zu Papier, untermauert jeweils durch die zusammengetragenen Analysen von internationalen Experten. Ein umfassender, aufschlussreicher Artikel, der endlich mal mehr als nur eine Komponente in der Migrationsfrage beleuchtet, es bleibt aber bei der Analyse. Konstruktiver wird in der summarischen Betrachtung Hoangs lediglich der Experte Gibril Faal, der am Institute of Global Affairs der London School of Economics lehrt. Er fordert einen pluralistischen Ansatz, nämlich die Verteilung der Mittel auf verschiedene Projekte und verschiedene Partner. Er begrüßt deshalb den von der Bundesregierung aufgelegten Marshallplan wegen seiner unterschiedlichen Bausteine – unserer Ansicht nach enthält der viel propagierte Marshallplan noch zu große Schwachstellen in der Implementierung. Joachim von Braun, Vizepräsident der der Welthungerhilfe, bestätigt die Schwierigkeiten und rechnet mit wirkungsvollen Ergebnissen erst in zwei Jahrzehnten. Es müssen viele Komponenten ineinandergreifen, meint von Braun. Die Umsetzung all dessen sei sehr schwierig. Aber nicht unmöglich. Ob wir so viel Zeit haben? Lesen Sie selbst.

 


Lesen Sie weitere Ausgaben der Wochenschau.

Lassen Sie uns gerne Ihre Meinung zu unserer Wochenschau wissen. Ob die Inhalte und Verweise für Sie interessant sind; ob unsere Meinung für Sie valide ist; ob Sie zu kurz oder zu lang, klar oder unverständlich geschrieben ist. Ihre Meinung ist uns wichtig!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.